Von Alisa Schäfer

Im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, Sachsen-Anhalt, gibt es einen geheimnisvollen, völlig abgedunkelten Raum, der nur durch die Beleuchtung der Exponate erhellt wird. Dort schwebt unter einem Sternenhimmel streng bewacht, hinter Panzerglas und rundherum zu bewundern die Himmelsscheibe von Nebra, ein Objekt aus Bronze mit goldenen Applikationen (Abb. 1).

Abb. 1 Himmelsscheibe von Nebra

Warum war die Scheibe Mittelpunkt eines Krimis? 1999 fanden zwei Sondengänger am Mittelberg in Sachsen-Anhalt die Scheibe zusammen mit anderen, bronzezeitlichen Fundstücken und bargen sie unsachgemäß, so dass sie beschädigt wurde. Nachdem sie mehrfach verkauft und mit Stahlwolle „gereinigt“ worden war, wurden die Stücke bereits im gleichen Jahr für 1 Mio. DM dem Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin angeboten. Als der Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle 2001 davon erfuhr, beschlossen die zuständigen Behörden den Fund zurückzuholen. Nach polizeilichen Ermittlungen gelang es die Vermittlerin und den Besitzer zu finden. Als die Echtheit der Funde in Basel überprüft werden sollte, wurden die beiden von der Schweizer Polizei festgenommen und die Fundstücke gelangten wieder in die rechtmäßigen Hände1.

Warum ist sie eine Sensation? Die Scheibe stammt aus der Zeit am Ende der Aunjetitzer Kultur, zur Zeit der Jüngsten Frühbronzezeit etwa 1600 v. Chr. – Als Aunjetitzer Kultur wird eine Sachgütergemeinschaft der Frühbronzezeit zwischen etwa 2300 v. Chr. und 1600 v. Chr. im östliche Mitteleuropa bezeichnet (s. Wikipedia Aunjetitzer Kultur). Das Jahr 1600 v. Chr. bezieht sich auf die Vergrabung der Scheibe – vorher war sie schon lange in Benutzung und wurde bis zu 5mal umgearbeitet (Abb. 2).

Abb. 2 Entwicklung der Scheibe

Auf der ältesten Fassung sieht man Vollmond, Sichelmond und Sterne, u. z. u. a. die Plejaden. Später kamen rechts und links je ein Horizont sowie danach unten eine Barke dazu. In der vierten Phase wurden die Ränder gelocht und schließlich entfernte man den linken Horizontbogen. Gedeutet wird sie als zweidimensionales Abbild eines dreidimensionalen Weltmodells (Abb. 3). Damit wäre sie in Mitteleuropa das früheste Zeugnis eines bis in die frühe Neuzeit verwendeten Weltmodells!2

Abb. 3 Abbild eines frühbrozezeitlichen Weltmodells

Warum sind die Plejaden dargestellt? Sie waren das zentrale Objekt der Scheibe: Für die Zeit um 1600 v. Chr. und den Fundort Mittelberg ergibt sich, dass sie damals nur bei ihrem Untergang im Westen sichtbar waren, da sie mindestens 50 über dem Horizont und die Sonne mindestens 150 unter ihm stehen mussten, bei Aufgang der Plejaden waren diese Voraussetzungen nicht erfüllt. Die erste und die letzte Sichtbarkeit ihres Untergangs  – am 10. März und am 17.Oktober nach heutigem Kalender – zeigten den Beginn und das Ende des bäuerlichen Jahres an und dementsprechend stand die Mondsichel für den Beginn und der Vollmond für das Ende dieser Zeit (Abb. 4, 5).3

Abb. 4 Deutung der Scheibe
Abb. 5 Deutung der Scheibe

Die Hinzufügung der Horizontbögen führte dazu, dass die Scheibe nunmehr auch zur Verfolgung des Sonnenjahrs genutzt werden konnte. Die Bögen überstreichen einen Winkel von 820 und auf dem Breitengrad des Mittelberges auch den Sonnenauf- und –untergang zwischen Winter- und Sommersonnenwende (Abb. 6).4

Abb. 6 Deutung der Scheibe

Die Barke wird als Sonnenschiff bei ihrer nächtlichen Reise von West nach Ost (s. Wikipedia Himmelsscheibe von Nebra) oder aber als Ausrichtung der Scheibe nach Süden gedeutet. Damit hätte die Scheibe eine landkartenähnliche Bedeutung.5

Die Löcher könnten wiederum auf einen lunisolaren Kalender mit einem 18,6-jährigen drakonischen Zyklus hinweisen, d. h. auf die Schnittpunkte der Mondbahn mit der Ebene, die die scheinbare Sonnenbahn vor dem Hintergrund der Sterne durchläuft. Die Scheibe hätte dann zu dieser Zeit der Beobachtung der Mondbahn mit den nördlichen Mondwenden, d.h. jeweils dem größten bzw. geringsten Abstand des Mondes von der Erde und damit als Lunisolarkalender gedient (s. Wikipedia Himmelsscheibe von Nebra).

Mit dem Ende der Aunjetitzer Kultur kam auch das Gebrauchsende der Scheibe. Entweder fiel der linke Horizontbogen ab und die Scheibe wurde vergraben oder der Bogen wurde entfernt, damit entwidmet und begraben.

Vielleicht sind aber alle oben angestellten Deutungen, so schön und einleuchtend wie sie auch sind, falsch und die Himmelsscheibe von Nebra war stattdessen ein schamanisches Objekt (s. Wikipedia Himmelsscheibe von Nebra). Was immer wir in ihr sehen, sie ist ein interessantes, archäologisches Fundstück, das eindrucksvoll in Halle präsentiert wird und eine Reise wert ist.

Nutzung der Fotos mit freundlicher Genehmigiung des Landesamt für
Denkmalpflege, Sachsen-Anhalt.

Lit.: Meller, Harald (Hrsg.): Der geschmiedete Himmel. Die weite Welt im Herzen Europas vor 3600 Jahren 2004

Soweit nicht ausdrücklich anders bezeichnet, beruht dieser Beitrag auf der gerade angegebenen Literatur:

Abb. 1 S. 25; Abb. 2 S. 29; Abb. 3 S. 28; Abb. 4 S. 47; Abb. 5 S. 47; Abb. 6 S. 45

Anm. 1 Harald Meller: Die Himmelsscheibe von Nebra S. 22ff.; Anm. 2 ebd. S. 28ff.

Anm. 3 Wolfhard Schlosser: Die Himmelsscheibe von Nebra – astronomische Untersuchungen S. 46ff.

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