Text: Alisa Schäfer: Vor undenklichen Zeiten, als die Welt noch jung war, verschluckte Seth, der Gott, der Wüste und des Chaos versehentlich den Samen des Horus, ursprünglich ein Himmelsgott, dessen Augen Sonne und Mond waren. Dem Kopf des Seth entsprang daraufhin der ibisköpfige oder als Pavin dargestellte Mondgott, Thot oder Djehuti, der Gott der Weisheit, der Magie, der Wissenschaft, der Schreiber und des Kalenders. Er regierte 3000 Jahre Ägypten und stieg danach als Mond in den Himmel auf. Ein Dämon fraß an ihm und erzeugte so die Mondphasen  (s. Wikipedia Thot).

Thot war u.a. der Gott des Kalenders. Im alten Ägypten begann das Jahr mit dem ersten Wiedererscheinen des Sirius oder Sothis vor Sonnenaufgang, damals etwa um den 20. Juli herum, nachdem der Stern etwa 70 Tage unsichtbar war. Ungefähr zu dieser Zeit begann die Nilüberschwemmung. Dementsprechend wurde Sirius als Bringer des Neuen Jahres und der Überschwemmung bezeichnet. Es gab 3 Jahreszeiten – Überschwemmung, Wasserrückgang und Wassermangel mit jeweils 4 Monaten. Der erste Monat nach dem Wiedererscheinen des Sirius hieß Thot.

Der Himmel über Cairo am 20.07.1800 BC – 4:30 Ortszeit

Wie funktionierte der Kalender? Die Ägypter hatten drei Arten Kalender.

Zum einen gab es einen älteren Mondkalender mit abwechselnd 29 und 30 Tagen. Die Monate begannen jeweils in dem Augenblick, in dem der abnehmende Mond vor Sonnenaufgang unsichtbar wurde. In diesem Fall hatte das Jahr nur 354 Tage, so dass alle 2 – 3 Jahre ein Monat eingefügt werden musste. Dies geschah, wenn das Mondjahr sich so weit vom Beginn des Neuen Jahres entfernt hatte, dass ein Mondmonat hineinpasste. In diesem Fall wurde das Jahr als „großes Jahr“ bezeichnet. Nach diesem Kalender richteten sich die religiösen Feste.

Zum anderen betrug ein Jahr 12 Monate à 30 Tage zuzüglich 5 Zusatztage, also 365 Tage. Dazu gab es den folgenden Mythos: Ursprünglich gab es nur 12 Monate à 30 Tage. Eines Tages hatte die Himmelsgöttin Nut ein heimliches Verhältnis mit dem Erdgott Geb und wurde schwanger. Als der Sonnengott Re davon erfuhr, belegte er sie mit einem Zauber: Sie sollte in keinem Monat und in keinem Jahr gebären können. Daraufhin würfelte Thot, der in sie verliebt war, mit dem Mond und gewann von jedem Tag des Jahres ein bisschen bis sich 5 Zusatztage ergaben. An diesen 5 Unglückstagen gebar Nut jeweils einen Gott, deren Geburtstage an diesen, jeweiligen Tagen gefeiert wurde. Der Staat organisierte nach dem zweiten Kalender Steuern, Frondienste u. a.

Da die Ägypter keinen Schalttag einfügten, wanderten in beiden Fällen die Monate durch das Jahr. Die Priester gingen vielleicht von 309 Mondumläufen aus und 25 Kalenderjahren zu 365 Tagen (= 9125 Tage), um die beiden Kalender abzugleichen. Auch fielen die beiden Kalender- und das Sonnenjahr nur alle 1461 Jahre zusammen. Dieser Zeitraum  wird als Sothisjahr bezeichnet. Erst unter Augustus 29. v. Chr. wurde effektiv alle 4 Jahre entsprechend dem julianischen Kalender ein Schalttag eingefügt, obwohl bereits König Ptolemaios III. im Jahr 238 v. Chr. mittels Dekret versuchte, alle 4 Jahre einen Schalttag einzuführen – bei der konservativen Priesterschaft jedoch ohne Erfolg.

Ferner gab es den Diagonalkalender, den man auch als Sternenuhr bezeichnen kann. Man findet ihn auf den Innenseiten von Sargdeckeln. Er drittelt die Monate à 30 Tage des zweiten Kalenders, so dass es insgesamt 36 Dekane gab. 3 Dekane fallen somit jeweils in einen Monat, so dass ein Dekan 10 Tage dauerte und ihm etwa 100 auf der Ekliptik, d. h. auf der scheinbaren Umlaufbahn der Sonne vor dem Hintergrund der Sterne um die Erde, zuzuordnen ist. Die Dekane heißen nach bestimmten Sternen bzw. (Teil)sternbildern. So gibt es einen Dekan Sothis oder einen Orion. Z. B beginnt der Dekan Sothis, wenn der den Dekan benennende Stern gerade zum ersten Mal sichtbar wird, also am Anfang des Jahres. Jeden Tag geht er etwa 4 Minuten früher auf. Nach den 10 Tagen also 40 Minuten früher. Dann wird der Stern bzw. das (Teil)sternbild des nächsten Dekans zum ersten Mal sichtbar, 1/3tel des 1. Monats Thot ist vorbei und der Siriusdekan rückt eine Stufe nach oben. Die Ägypter gingen dabei davon aus, dass nur 12 Dekane im Laufe der Nacht sichtbar werden, so dass die Nacht 12 Stunden à 40 Minuten umfasst. Ein Dekan blieb 70 Tage, wie Sirius, in der Unterwelt, d. h. im Haus des Geb. Bei dieser Rechnung fehlen 17 Dekane. 8 Dekane, also 320 Minuten, waren im Osten, in unserem Beispiel bevor Sirius zum ersten Mal sichtbar wird, und 9 Dekane, also 360 Minuten im Westen. Zu dieser Zeit befanden sich die Dekane im Dunst, waren vielleicht nicht oder nicht gut genug sichtbar. Die 5 Zusatztage wurden in diesem System ursprünglich nicht berücksichtigt bzw. wurden später mittels Zusatzberechnungen eingefügt. Diese Einteilung wurde für alle Dekane eingehalten, gleichgültig wie lange sie tatsächlich unsichtbar waren. Der Kalender orientiert sich also ganz am wichtigsten Stern Sirius und ordnet alle anderen Dekane ihm schematisch unter. Der Diagonalkalender beruht auf Beobachtungen vor 1800 v. Chr. und wurde einfach, ohne sich an die tatsächlichen Gegebenheiten anzupassen, immer wieder kopiert. Der Beginn und das Ende der Dekanreihe hätte sich im Laufe der Zeit ändern müssen. Dass sich der tatsächliche Aufgang eines jeweiligen Sterns bzw. (Teil)sternbildes im Laufe der Jahrhunderte bezogen auf die Jahreszeiten verschob, interessierte im konservativen Ägypten nicht, so dass selbst später in Pharaonengräbern die Abbildungen nicht mehr der Realität entsprachen.

Übrigens die 5 Götter, die Nut an den von Thot erwürfelten 5 Zusatztagen gebar, waren Osiris, Haroeris, Seth, Isis und Nephthys. Das lässt stutzen. War Seth nicht der Vater des Thot? Hieran kann man erkennen, dass in vorgeschichtlicher Zeit vermutlich jede Ortschaft ihren eigenen (Schutz)gott bzw. -göttin hatte. So scheint Toth zunächst im Delta beheimatet gewesen zu sein, wo Ibisse hauptsächlich leben. Später war sein Hauptkultort Hermopolis in Mittelägypten. Dort wurde er in Paviangestalt verehrt. Als Ägypten immer mehr zusammenwuchs, versuchten die Priester die Götter bzw. Göttinnen in Systemen zusammenzuführen und zu ordnen. Dabei gab es verschiedene berühmte Zentren, z. B. Heliopolis beim heutigen Kairo oder Theben in Oberägypten, die alle ihre eigenen Systematiken und Legenden entwickelten, die sich teilweise widersprachen. So konnte es auch 2 Götter für die gleiche (Teil)aufgabe geben, wie den thebanischen Mondgott Chons. Er wurde als junger, mumienförmiger Mann mit Mondscheibe und Mondsichel auf dem Kopf dargestellt.

Vielleicht kann man als Fazit, auch bezogen auf unseren Kalender und unsere Zeiteinteilung festhalten, dass beides Konventionen sind, denn ob ein Tag 24 Stunden oder 36 Stunden enthält, ist letztendlich Gewohnheit und mehr oder weniger willkürlich festgelegt und ob man nach dem Mondjahr, wie die alten Ägypter Jahrtausende lang, oder wie wir nach dem Sonnenjahr lebt, ist für uns praktischer, aber auch nur weil wir es seit Jahrtausenden so gewohnt sind.

Lit.:       

zu den Göttern:   Lurker, Manfred: Götter und Symbole der alten Ägypter 2. Aufl. 1974

 zum Kalender:    Pichot, André: Die Geburt der Wissenschaft. Von den Babyloniern zu den frühen Griechen 1995 S. 200ff.

                                Van der Waerden, B. L.: Erwachende Wissenschaft. Bd. 2 Die Anfänge der Astronomie 2. Aufl. 1980 S. 10ff.

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