Beitrag von Dirk Martinek

7×50 Fernglas

In diesem kleinen Bericht möchte ich etwas über die Beobachtung des Sternhimmels mit dem Fernglas erzählen. Die landläufige Ansicht ist, dass man für die Astronomie unbedingt ein Teleskop braucht. Es ist zwar richtig, dass man mit einem großen Teleskop und hoher Vergrößerung einige Dinge am Sternhimmel sehen kann, die man mit einem Fernglas wohl nie zu Gesicht bekommt, dennoch bietet selbst ein kleines Fernglas Vorteile und Vorzüge in deren Genuss man mit einem Teleskop nicht kommen wird. Doch nun genug der Vorrede. Kommen wir nun zu den Gründen, warum ein Fernglas ein ausgezeichnetes astronomisches Gerät sein kann.

Grund 1:
Ein Fernglas hat im Gegensatz zu einem Teleskop zwei Objektive! Warum ist das gut? Nun ja, schließlich haben wir doch auch zwei Augen! Da ist es doch nur gerecht, wenn jedes Auge durch ein eigenes Objektiv schauen kann.
Der Mensch ist nun mal auf zweiäugiges sehen trainiert. Von morgens bis abends schauen wir mit zwei Augen in die Welt hinaus. Warum sollte das beim Beobachten des Sternhimmels anders sein? In der astronomischen Praxis bedeutet das einfach ein wesentlich entspannteres Beobachten. In der Regel kneifen Hobbyastronomen beim Beobachten durch ein Teleskop ein Auge zu. Das kann zwar trainiert werden, ist aber bei längerer Beobachtung anstrengender als das beidäugige Sehen.
Weiterhin erzeugt ein Fernglas ein „plastisches“ bzw. räumliches Bild. Bei der Beobachtung von astronomischen Objekten kann zwar theoretisch keine 3-dimensionale Wirkung entstehen, weil die Objekte viel zu weit weg sind, als dass man sie aus verschiedenen Richtungen sehen könnte, aber verblüffenderweise funktioniert unser Gehirn so, dass das zweiäugige Sehen uns trotzdem ein räumliches Bild (z.B. vom Mond) vorgaukelt.

Grund 2:
… ist genau der Grund, warum man im allgemeinen denkt, dass ein Fernglas nicht zur Astronomie geeignet ist. Nämlich die geringe Vergrößerung! Es ist richtig, dass ein Fernglas sich nicht unbedingt zur Planetenbeobachtung eignet (obwohl man bereits die vier großen Jupitermonde damit sehen kann!) aber es gibt eine große Anzahl von Himmelsobjekten, die für ein Teleskop einfach zu groß sind. Es gibt Teleskope, bei denen die kleinste Vergrößerung bei 50-fach oder höher liegt. Damit sind eine Vielzahl sehr schöner Himmelsobjekte nicht in ihrem vollen Umfang zu sehen, sondern nur ein Ausschnitt daraus. Z.B. die Plejaden (das Siebengestirn, ein sehr schöner und großer offener Sternhaufen) haben eine so große Ausdehnung, dass 20- bis 25-fach die optimale Vergrößerung ist. Unsere Nachbargalaxie, der Andromedanebel hat (und das wissen die wenigsten) eine Ausdehnung vom 7-fachen Durchmesser des Vollmondes!!! Das ist ist mit kaum einem Teleskop in vollem Umfang zu erfassen, mit einem Fernglas dagegen kinderleicht.
Viele weitere Objekte wie z.B. der Nordamerikanebel oder der Doppelsternhaufen h+chi sind so groß, dass das Fernglas ein ideales Beobachtungsgerät für solche Objekte ist. Ebenso das „Spazierensehen“ durch das Band der Milchstraße mit einem Feldstecher ist ein Genuss. Sie werden überrascht sein, wieviel kleine Sternhaufen oder Gasnebel sie dabei entdecken werden.

Grund 3:
Ein Fernglas ist in der Regel viel billiger als ein Fernrohr. Es gibt bereits ab 39 € sehr gute astrotaugliche Geräte. Als Beispiel sei hier das 7×50 der Firma Bilora genannt. Man wird dagegen nie für 39 € ein astrotaugliches Teleskop bekommen!

Grund 4: Ein Fernglas ist sehr viel handlicher als ein Teleskop. Es braucht kaum Platz beim Transportieren und muss auch nicht umständlich aufgebaut werden. Einfach durchschauen und fertig. Außerdem ist ein Fernglas im Gegensatz zu einem Teleskop auch tagsüber für Tier- und Naturbeobachtung geeignet – nicht nur weil es klein und leicht ist, sondern gegenüber dem Fernrohr ein aufrechtes und seitenrichtiges Bild zeigt.

Nachdem ich nun die wichtigsten Gründe für ein Fernglas aufgeführt habe, noch ein paar allgemeine Hinweise zur Technik und zum Kauf:

Schaut man sich im Katalog oder Schaufenster ein paar Ferngläser an, so findet man immer eine Angabe wie z.B. 7×50 , 10×50 , 8×30 , 9×63 oder ähnlich. Das sind die beiden wichtigsten Größen eines Fernglases und man spricht sie „7 mal 50“ oder „8 mal 30“ usw. Die erste Zahl gibt immer die Vergrößerung des Fernglases an. Ein „7×50“ vergrößert also 7-fach. Die zweite Zahl gibt den Durchmesser der vorderen Linsen (Objektive) an. Je größer die Objektive, desto mehr Licht sammelt das Gerät. Ein „9×63“ hat Objektive mit 63mm Durchmesser (und vergrößert 9-fach).
Grundsätzlich ist es so, dass ich mehr (und schwächere) Sterne sehe, je größer meine Frontlinsen sind. Mit einem 11×80 sehe ich also wesentlich mehr Sterne, als mit einem 7×50.

Es gibt jedoch noch eine Menge anderer Objekte am Sternenhimmel, die nicht wie die Sterne punktförmig, sondern „flächige“ Objekte sind. Das sind z.B. Gasnebel, großflächige Galaxien oder auch Kometenschweife. Um solche Objekte zu beobachten kommt eine andere wichtige Größe eines Fernglases ins Spiel : Die Austrittspupille (im weiteren AP genannt).

Austrittspupille


Jetzt wird’s ein wenig komplizierter, ich werde jedoch versuchen es so einfach wie möglich zu erklären.

Normalerweise schaut man durch ein Fernglas, indem man die Okulare direkt vor die Augen hält, um das vom Gerät erzeugte vergrößerte Bild zu betrachten.
Halten wir jedoch das Fernglas in einigem Abstand von uns weg und sehen uns nun aus ca. 50cm die Okulare an, so stellen wir fest, dass nur die Mitte der Okularlinse von einem kleinen Lichtkreis ausgefüllt ist (siehe Foto).

Der Durchmesser dieses Lichtkreises ist exakt die dicke des Lichtstrahls, der das Fernglas verlässt und in das Auge des Beobachters trifft.

Man kann sogar mit einem Lineal die Dicke (bzw. den Durchmesser) dieses Lichtstrahls ausmessen:

Messen der Austritsspupille

Die größe (Dicke) des Lichtstahls wird in mm gemessen und wird als Austrittspupille (AP) bezeichnet. Haben wir mehrere Geräte zum Vergleich vorliegen, so finden wir, dass einige Geräte eine größere, andere jedoch eine kleinere AP haben. Warum ist diese AP für uns Hobbyastronomen so wichtig?
Um das zu verstehen müssen wir uns kurz unseren eigenen Augen zuwenden. Die menschliche Pupille (also das kleine schwarze Loch mitten in unserem Auge) ändert ihre Größe in Abhängigkeit von der Helligkeit : Bei hellem sonnigen Wetter ist unsere Pupille sehr klein (1-2mm). In einem Raum mit Zimmerbeleuchtung wird sie bereits größer (ca. 3-4mm). In völliger Dunkelheit öffnet sie sich jedoch bis auf etwa 7mm. Und das sind ja die Bedingungen, unter denen wir Astronomen vorzugsweise den Himmel betrachten.
Ist die AP unseres Fernglases ebenfalls 7mm groß, so „passt“ der Lichtstrahl des Fernglases exakt in unsere Pupille. Ist die AP größer als 7mm (z.B. 8 oder 10), so füllt der Lichtstrahl zwar unsere Pupille aus, der Rest des Lichtes trägt dann jedoch nur zur Beleuchtung der Iris bei und ist verschwendetes Licht.
Ist die AP kleiner als die Pupille (z.B. nur 3mm), so wird zwar das komplette Licht eingefangen, aber unsere Pupille hat noch weiteres „Potential“, was nicht ausgeleuchtet wird.

Somit wird klar, dass nur eine AP von ca. 7mm ein optimales Zusammenspiel mit unserer dunkeladaptierten Pupille liefert und das Bild von o.g. flächenhaften Objekten eine größtmögliche Helligkeit erreicht. Man muss jedoch nicht jedesmal um die AP eines Fernglases zu ermitteln, ein Lineal an die Linsen halten. Es gibt eine wesentlich einfachere Methode, die AP zu erfahren. Nämlich aus den zu Beginn erwähnten Größen „Objektivdurchmesser“ und „Vergrößerung“. Teilt man die Vergrößerung durch den Durchmesser der Objektive, erhält man die AP.

Beispiel eines 7×50 Fernglases:
50 geteilt durch 7 ergibt etwa 7,1. oder 30 geteilt durch 8 ergibt 3,75. So ergeben sich verschiedene AP’s. Wenn man sich jedoch mal einen Überblick über die Ferngläser verschafft, wird man feststellen, dass z,B. viele Geräte mit den Kombinationen 7×50 , 8×56 , 9×63 , oder sogar 11×80 beschriftet sind.
Rechnet man bei jedem dieser Geräte die AP aus, so wird man immer fast exakt auf 7mm kommen. Das ist natürlich kein Zufall, sondern diese Gläser sind absichtlich auf eine 7mm-AP ausgerechnet. Nicht nur wir Astronomen profitieren von einer AP von 7mm, sondern z.B. auch Jäger, die in der Dämmerung oder Dunkelheit das Wild beobachten. Denn nur ein Fernglas mit 7mm-AP liefert das hellst-mögliche Bild in der Dämmerung. Daher werden auch nur Geräte mit o.g „Vergrößerungs-Linsen-Kombination“ als Nachtgläser bezeichnet. In der astronomischen Praxis bedeutet das, ein 9×63 Fernglas zeigt den Andromedanebel nicht heller, als ein 7×50, er ist halt nur etwas größer zu sehen.
Für Landstriche mit einem „mäßigen“ bis schlechten Himmel muss die Sache mit der Austrittspupille jedoch etwas reletiviert werden. Hier im Ruhrgebiet zum Beispiel ist der Himmel durch die enorm hohe Bevölkerungs- und Industriedichte „lichtverschmutzt“ und somit aufgehellt. D.h., dass beim Betrachten des Himmels mit einem Nachtglas sich der Himmelshinterund auch in der größtmöglichen Helligkeit zeigt und somit der Kontrast zu den Objekten, die wir beobachten wollen gering bleibt. In diesem Fall sind Ferngläser mit einer AP von 5mm oft besser, da in ihnen der Himmel etwas dunkler erscheint und somit der Kontrast wieder etwas erhöht wird.

Um ein Fernglas mit 7mm AP wirklich „auszureizen“ braucht man in der Tat einen sehr guten und dunklen Himmel. Die AP von 7mm ist übrigens ein weiterer Vorteil von Ferngläsern gegenüber Teleskopen. Viele Teleskope lassen sich nicht mit so kleinen Vergrößerungen fahren, dass sich eine AP von 7mm ergibt.

Nun noch ein paar Tips zum Einkauf eines Fernglases:
Wenn man in einen Laden geht um sich nun ein Fernglas zu kaufen, ist es nicht damit getan, sich ein Gerät mit einer günstigen AP auszusuchen und dann einpacken zu lassen. Es gibt noch zwei wichtige Faktoren, die nicht unberücksichtigt bleiben dürfen.
Erstens der Preis des Gerätes und zweitens die optische Qualität.

Man muss auf jeden Fall durch das Fernglas hindurch schauen, das man zu kaufen beabsichtigt. Denn zum einen können selbst teure Ferngläser eine erschreckend schlechte Qualität haben ( ich habe Ferngläser für 50 € gesehen, die eine wesentlich bessere Qualität hatten, als andere für 500 € – wirklich wahr!! ).
Zum anderen gibt es selbst bei ein und demselben Modell telweise eine so große Streuung in der Qualität, die von sehr gut bis sehr schlecht reicht. Also lassen Sie sich bitte auch von einem Modell mehrere Geräte auspacken, um sie miteinander zu vergleichen. Dabei ist zum einen darauf zu achten, dass die beiden optischen Achsen parallel sind. Ist dies nicht der Fall, so ergeben sich Doppelbilder, die sich nicht zur Deckung bringen lassen.
Man sollte die Schärfe und Brillianz der Geräte nicht nur in der Mitte des Bildes überprüfen, (da sind die meisten einigermaßen scharf) sondern auch am Rand des Bildfeldes. Ist das Bild bis zum Rand hin ziemlich scharf ohne neu zu fokussieren, so sollte man das Gerät in die engere Auswahl nehmen.

Weiterhin sollten der Kontrast und die Farbtreue überprüft werden. Habe ich ein flaues kraftlos wirkendes Bild oder ein farbkräftiges brilliantes Bild? Das letztere ist natürlich vorzuziehen.

Auch sollte die Größe des Blickfelds für den Kauf entscheidend sein. Durch ein Glas mit großem Gesichtsfeld lässt es sich wesentlich angenehmer schauen, als durch ein Gerät mit „Tunneleffekt“. Nicht zuletzt ist aber auch das ganz persönliche Empfinden beim Blick durch ein Fernglas wichtig. Das sogenannte „Einblickverhalten“ wird von verschiedenen Beobachtern oft sehr unterschiedlich empfunden.

Das Fernglas welches man sich kauft, muss nicht notwendigerweise ein neues Gerät sein. Auf Astronomie- oder Fotobörsen oder sogar auf dem Flohmarkt findet man oft gute gebrauchte Geräte für eine kleine Mark (oder sagt man jetzt kleinen Euro??). Auch hier der Vorteil, dass man vor Ort das Gerät austesten kann. Eine weitere Bezugsquelle ist das uns mittlerweile allen bekannte Ebay. Doch Vorsicht ! Hier wird eine Menge Zeugs angeboten, das ich nur als fabrikneuen Schrott bezeichnen kann. Wenn die Anbieter ihre Ware als „Profigerät mit nachtaktivem Rotlichtfilter“ anbieten, sollte man gleich einen großen Bogen darum machen!
Die guten (und preiswerten) Sache findet man meistens unter Kunst&Antiquitäten -> alte Berufe -> Optiker. Dabei handelt es sich um die schönen alten schwarzen Geräte aus den 60er bis 80er Jahren. Man bekommt sie oft für deutlich unter zehn Euro. Achtung: Auch in dieser Rubrik machen sich die Ramschverkäufer mittlerweile breit!

Einige Mitglieder unserer Gruppe haben schon erstklassige 7×50 Feldstecher für 5 € ersteigert. Man kann natürlich hier einwenden, dass man das Gerät nicht begutachten kann, aber meistens sind diese alten Geräte wirklich hervorragend und zweitens sind 5 oder 10 € bei einem Fehlkauf ein verschmerzbarer Verlust. Im Zweifelsfalle wird das Gerät für ein paar € wieder über Ebay verkauft ;o)

Wenn Ihnen das alles zu vage ist und sie unsicher beim Kauf eines Fernglases sein sollten, wenden sie sich bitte an unsere Gruppe. Wir werden ihnen gerne weiterhelfen.

Ich habe nun viele schöne Sachen über das Fernglas erzählt. Ich wollte dieses Gerät jedoch nicht als Non-plus-Ultra für die Astronomie preisen, sondern nur als verkanntes und alternatives astronomisches Beobachtungsgerät darstellen. Ein Fernglas hat natürlich auch seine Grenzen und Nachteile. Der Vorteil, den ich weiter oben anführte, nämlich der, der kleinen Vergrößerung ist bei einer Vielzahl von Objekten eben auch ein Nachteil.
So ist zur Planetenbeobachtung auf jeden Fall ein Teleskop von Nöten. Ebenso zur Beobachtung von kleinen Objekten wie z.B. planetarischen Nebel oder kleinen und schwachen Galaxien.

11×80 Fernglas

Es darf natürlich nicht verschwiegen werden, dass je größer ein Fernglas ist, es auch immer schwerer wird. Ab einer Größe von etwa 11×80 wird empfohlen, das Gerät auf ein Stativ zu stellen, damit man „wackelfrei“ beobachten kann.

Fernglas und Fernrohr haben gleichermaßen ihere astronomischen Einsatzgebiete und Vorteile. Hat man beides, so ist man bestens ausgerüstet. Fehlt eines, so entgeht einem eine Menge. In diesem Sinne wünsche ich allen noch viele schöne astronomische Nächte mit Fernglas und Teleskop.